Es war in der Abenddämmerung. Mio und ihre Zwillingsschwester Mayu spazierten an der verlassenen Talschlucht entlang, wo wilde Blumen blühten.
Das Rauschen des Baches erfüllte die Luft, doch beim Blick auf das ruhige Wasser wirkten ihre Schritte schwer.
„Mayu...“
Mio rief in Gedanken nach ihrer Schwester, während sie auf das Wasser blickte.
Dieses Versprechen hatten sie sich wie eine Beschwörungsformel immer wieder gegeben.
„Wir werden für immer... zusammenbleiben...“
Mio blickt auf den Bach in der Schlucht
Beim Anblick derselben Schlucht erinnerte sich Mio an ihre Kindheit, als sie hier gemeinsam gespielt hatten.
Damals rannte Mayu fröhlich hinter der kleinen Mio her. Doch in einem unachtsamen Moment verstummten die Schritte hinter ihr. Als sie sich umdrehte, sah sie nur noch, wie eine kleine Gestalt den Abhang hinabstürzte...
Die junge Mayu stürzt in die Schlucht
Sie überlebte den Unfall, doch Mayus rechtes Bein heilte nie vollständig, sodass sie fortan leicht hinkte.
Dies brannte sich als unauslöschliche Schuld in Mios Herz ein.
Eine Hand legte sich sanft von hinten auf Mios Schulter und unterbrach ihre Gedanken.
Mayu lächelte sanft: „Wir haben früher oft hier gespielt, nicht wahr?“
„Ja...“, antwortete Mio mit einem erzwungenen Lächeln.
Mayu blickte wehmütig in die Ferne: „Wegen des Staudammbaus wird dieser Ort bald im Wasser versinken. Wie schön, dass wir noch ein letztes Mal hierher kommen konnten...“
Mio blickte besorgt auf Mayus Bein: „Ist dein Bein in Ordnung? Tut es weh?“
Mayu schüttelte den Kopf: „Ein wenig... aber es geht schon.“
„Mio...“, begann Mayu zögernd.
„...Ja? Was ist denn, Mayu?“
Plötzlich flatterte ein schwach rot leuchtender Schmetterling an Mayu vorbei. Ihr Blick war sofort gefesselt und wirkte leer.
„...Nichts“, murmelte sie leise, ohne die Augen von dem Schmetterling abzuwenden.
Ein roter Schmetterling fliegt vorbei
Mio versank erneut in Selbstvorwürfen: „Wenn ich damals nur nicht so schnell vorausgelaufen wäre...“
Als sie aus ihren Gedanken hochschreckte und sich umsah, war Mayu verschwunden.
„Mayu...?“
Voller Panik sah sich Mio um und entdeckte Mayu, die wie in Trance dem Schmetterling tiefer in den finsteren Wald folgte...
Mayu folgt dem Schmetterling in den Wald
Um Mayu einzuholen, kämpfte sich Mio durch das Dickicht. Am Rande des verlassenen Pfades passierte sie eine moosbedeckte Zwillings-Jizo-Statue.
Mio passiert die Zwillings-Jizo-Statue
Kaum hatte sie die Statue passiert, überkam Mio ein Schwindelgefühl und die Umgebung verzerrte sich. Das Abendlicht wich schlagartig einer finsteren, totenstille Nacht.
Sie kämpfte sich voran, bis ein verfallenes Torii erschien. Davor kniete eine Frau im weißen Kimono und weinte bitterlich: „Es tut mir leid... Es tut mir so leid...“
Die weinende Frau im weißen Kimono
Als Mio sich nähern wollte, löste sich die Gestalt in einen roten Schmetterling auf. Mio folgte dem Flug und erblickte Mayu unweit von sich.
Doch hinter Mayu stiegen Hunderte rot glühende Schmetterlinge auf und hüllten sie in ihr Licht.
Unzählige rote Schmetterlinge hinter Mayu
Mayu sah Mio ruhig an und flüsterte: „Das ist... das Dorf, das von der Landkarte verschwunden ist.“
„Ich habe die Legende gehört... Ein Dorf, das am Tag eines Rituals spurlos verschwand. Wer sich im Wald verirrt, wird hierher gelockt...“
Mit zitterndem Blick sah Mayu sie an: „Könnte das... wirklich dieses Dorf sein...?“
Verängstigt hielten sich die Schwestern aneinander fest und stiegen einen steilen Hang hinab. Im Nebel sahen sie die einsame Gestalt einer Frau, die in ein altes Herrenhaus trat.
„Lebt... dort wirklich jemand...?“ Mayu klammerte sich an Mios Ärmel.
Sie folgten ihr zur Haustür. Auf dem dunklen Dielenboden fand Mio einen vergilbten, modrigen Zeitungsausschnitt.
Sie öffneten die schwere Tür; die Stille drinnen war so drückend, dass sie nur ihren Herzschlag hörten.
„Niemand scheint hier zu sein... Mayu, wollen wir weiter hineingehen?“
Mio drehte sich um und sah, wie Mayu am ganzen Körper zitterte.
„Mayu...? Mayu! Was ist los?“
Erschrocken berührte Mio ihre Schulter. Im selben Augenblick durchfuhr eine heftige paranormale Erschütterung ihr Bewusstsein!
Mios Geist wurde in die Vergangenheit gerissen——
Im düsteren Hinterhof rief eine Frau panisch: „Herr Masumi... wo bist du?“
Ein Mann trat mit leerem, von Wahnsinn gezeichnetem Blick heran: „Ich wollte dich nicht töten... Ich wollte das nicht!“
Im nächsten Moment packten seine Hände die Kehle der Frau. Während sie nach Luft rang, hallte das schrille Lachen einer fremden Frau im Kimono wider...
Mio schlug schmerzerfüllt die Augen auf und kehrte in die Realität zurück.
„Was war das eben...?“, keuchte Mio atemlos vor Schreck.
„Ich weiß es nicht... Ich weiß es nicht...“, schluchzte Mayu und hielt sich den Kopf.
Auf der Suche nach Antworten betraten sie das Große Tatami-Zimmer. In einer dunklen Ecke fanden sie eine funktionierende Taschenlampe und das „Notizbuch einer Frau 1“ auf dem Boden.
Taschenlampe aufheben
Neben einem zerwühlten Futon entdeckten sie das „Notizbuch einer Frau 2“.
Im angrenzenden Kimono-Raum fanden sie unter einem zerbrochenen Fenster den „Myoga-Messingschlüssel“.
„Wofür der wohl ist...“, flüsterte Mayu ängstlich hinter Mios Rücken. „Mio... ich habe das Gefühl, dass uns ständig jemand beobachtet...“
Im Lagerraum fanden sie das „Notizbuch einer Frau 3“ und im Kriechgang des Erdgangs das „Notizbuch einer Frau 4“.
Bedrückt von den unsichtbaren Blicken erreichten sie den Altarraum. Dessen Tür war jedoch mit einem Vorhängeschloss mit Myoga-Muster fest verschlossen.
Mio steckte den gefundenen Messingschlüssel ins Schloss. Mit einem schweren metallischen Knarren öffnete sich die Tür.
„Was ist das...?“ Mios Blick fiel auf ein altertümliches Gerät neben dem Schrein.
Auf dem Boden des Altarraums lag eine sonderbar geformte antike Kamera.
Als Mio und Mayu sie berührten, strömte eine weitere schreckliche Erinnerung auf sie ein——
Ein Mann hielt die Kamera auf einem dunklen Friedhof empor. Zahllose bleiche Geisterhände griffen nach ihm! Im Angesicht des Todes drückte er den Auslöser. Ein greller Blitz zuckte auf, und die Hände vergingen schreiend zu Asche...
Camera Obscura vom Boden aufheben
„Das war... diese Kamera...“, sagte Mayu bleich.
Neben der Kamera lagen vergilbte Fotos mit Aufschriften wie „Schwimmende Insel“, „Schattenhügel“ und „Schiebetürzimmer“.
„Funktioniert sie noch?“, fragte Mayu zaghaft.
Um sie zu testen, richtete Mio die Camera Obscura auf Mayu und drückte ab——
Ein Foto von Mayu machen
Nachdem die Funktion bestätigt war, wollten sie den beklemmenden Altarraum verlassen.
Gerade als Mio die Tür öffnen wollte, packte Mayu panisch Mios Kleidung und deutete nach vorn: „Jemand... ist da...“
Als die Tür aufging, stürzte sich der blutüberströmte Geist einer Frau auf sie!
Der Geist hinter der Tür
„Aaaah!“
In dem Chaos drückte der rachsüchtige Geist Mayu mit unbändigem Hass auf den eisigen Boden.
„Lass meine Schwester los!“
Mio riss die Camera Obscura hoch. Als das Ziel erfasst war, blitzte es auf und der Geist wich schreiend zurück... Der erste Kampf gegen die „Irrende Frau“ begann!
Mayu wird vom Geist zu Boden gedrückt
Nachdem der Geist vertrieben war, half Mio Mayu auf und sie eilten zum Eingang. Doch die Eingangstür war wie durch eine unsichtbare Macht versiegelt.
Mayu deutete zitternd zur Galerie im ersten Stock: „Mio... da oben ist jemand...“
Mio blickte durch den Sucher nach oben und sah die Gestalt der Frau langsam über den Korridor schreiten...
Auf der Suche nach einem Ausweg folgten sie der Erscheinung nach oben. Im Gang fanden sie das „Notizbuch einer Frau 5“.
Im Gästezimmerflur sah Mio die Gestalt um eine Ecke biegen.
„Hier... stimmt etwas ganz und gar nicht...“, klammerte sich Mayu an Mio.
Im Arbeitszimmer war die Gestalt verschwunden. Neben einem Bücherregal fand Mio das „Notizbuch einer Frau 9“.
Mio las die Notizen vor: „Sie hat sich wie wir hierher verirrt, auf der Suche nach ihrem Verlobten. Doch... wo ist sie geblieben?“
„Mio... warum ist das...“
Mayus Stimme stockte vor blankem Entsetzen.
Aus der tiefen Dunkelheit hinter Mio streckten sich die bleichen Hände der toten Frau langsam nach Mios Schulter aus...
Der weibliche Geist hinter Mio
„Mio! Hinter dir!“
„Mayu...? Aaaah!“
Ehe Mio sich umsehen konnte, wurde sie zu Boden gerissen und eiskalte Hände würgten ihre Kehle!
Unter Erstickungsqualen drückte Mio verzweifelt den Auslöser. Der Geist löste sich auf und gab die letzte Erinnerung von Miyako Sudo preis: Sie hatte ihren Verlobten Masumi hier endlich wiedergefunden – nur um von dem vom Wahnsinn zerfressenen Mann erwürgt zu werden...
Mio wird vom Geist gewürgt
🔍 補充
1. Großes Tatami-Zimmer: Zum Fenster zielen, um den „Flüchtigen Geist: Frau im Innenhof“ zu fotografieren.
2. Kimono-Zimmer: Unter dem Fenster die „Zwillingspuppe 1“ fotografieren.